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Das war eine Überraschung: Jemand wurde beauftragt - und ist bereit dazu - mit neuer Mathematik den Bildungsstand unserer Jugend zu erforschen. Es hörte sich so an, als würde es dabei wieder vor allem um die vergleichende Entdeckung der Bildungsmängel gehen. So etwas haben wir doch eben erst hinter uns. Mancher war gerade dabei aufzuatmen, weil scheinbar diese entmutigende Sensation überstanden war. Kommt es jetzt noch wuchtiger? Welche bisherige Mathematik, welche geniale neue Mathematik bietet Inhalte an, um damit zu erkennen, wie es um die humane Bildung steht? Wieso humane Bildung? Ach, wird es wieder um vieles andere mehr gehen als um humane Bildung? Wer sich gerne fünfzig Jahre zurück erinnert - auch in Mathematik und an die gute Abitursnote in Mathematik - darf doch wahrscheinlich auch mal kritisch aufhorchen und kritisch mitdenken, wenn es jetzt um Mathematik geht. Oder darf man über Mathematik nicht kritisch denken? Dann muss es erst recht gewagt werden.

Wir haben es mit Mathematik - und was sonst noch dazu gehört - weit gebracht in unserem technischen Fortschritt. Mathematik ist so etwas wie eine Programmiersprache, mit der wir die kompliziertere Wirklichkeit so vereinfachen, dass wir für unser Denken und für unsere Gestaltung Darstellungen und Verfahren entwickeln und handhaben, um damit produktiv und kreativ zu sein. Wir können damit also einfacher die komplizierte Wirklichkeit erfassen und gestalten. Oder wird die Mathematik so überhöht, dass es zu gewöhnlich wäre, die Mathematik auf brauchbare Zwecke herab zu setzten? Über Mathematik kann viel und interessant nachgedacht werden, vielleicht müsste das öfter geschehen, zumal dann wenn man als Lernender nicht weiß, wofür man dies und das in der Mathematik lernen muss. Mancher Lernender fragt sich, warum Mathematik eine fast schicksalhafte Bedeutung für junge Menschen hat, auch wenn das Lehrangebot zu schwierig oder gar unverständlich ist. Wir Erwachsenen und wir Alten sollten diese Not der Kinder und der Jugend doch gut verstehen aus eigener leidvoller Erfahrung mit schwerverständlichen mathematischen Veranstaltungen in unserer Jugendzeit.

Das müsste ohnehin mal gründlich geklärt werden, warum die Lehre in Mathematik oft zu kompliziert ist, um verstanden zu werden? Trotz der hochinteressanten Mathematik plagen sich damit viele Kinder und Jugendliche und viele Erwachsene sind froh, das hinter sich zu haben. Im Studium meiden manche weitere Begegnungen mit der Mathematik, auch wenn sie damit auf Studienchancen verzichten. Muss das sein? Eine zu komplizierte und dadurch schwer verständliche Mathematik ist das Gegenteil vom ursprünglichen Sinn und Zweck der Mathematik. Wofür brauchen wir überhaupt diese Zeichen und den Umgang mit diesen Zeichen in der Mathematik? Das sind doch keine Bilder der Wirklichkeit und keine Abläufe der Wirklichkeit. In der Wirklichkeit ist alles größer und komplizierter als mit den vereinfachenden Zeichen und vereinfachenden Verfahren der Mathematik. Zu komplizierte Mathematik ist das Gegenteil von dem hilfreichen Sinn und Zweck der Mathematik: Die mathematischen Zeichen, Formeln und Verfahren sind vereinfachende Skizzen der komplizierteren, viel größeren Wirklichkeit, damit wir die komplizierte Wirklichkeit einfacher fassen und damit umgehen können. Mit verständlicher Mathematik lernen wir vieles verstehen, was für uns zu kompliziert ist.

Mathematik war noch nie der Hauptinhalt unserer Bildung, zumal Mathematik doch mehr zur praktischen Seite unseres Lebens gehört. Sollen wir jetzt mit einer neuen Mathematik alles lernen, was wir für die humane Verwirklichung unseres Lebens lernen müssen. Wieso müssen? Ja, wir müssen endlich vor allem die überlebensnotwendige HUMANE BILDUNG lernen. Auch mit einer neuen Mathematik könnte es sein, dass wir in unserer jetzigen weltweiten Bildungsnot kaum das 22. Jahrhundert erreichen. Eine menschenfreundliche Gegenwart, unsere Zukunft durch das ganze 21. Jahrhundert und über das 22. Jahrhundert hinaus ist die humane Welt für alle. Und die humane Welt für alle beginnt jetzt und heute und entwickelt sich durch die überlebensnotwendige HUMANE BILDUNG für alle.